Leben in der H-Sphäre

Die Hermetosphäre stellt für Pflanzen einen extremen Lebensraum dar. Die Bedingungen, die in ihr herrschen, wirken in vielerlei Hinsicht einschränkend auf alle Stoffwechselprozesse und somit auch auf das Pflanzenwachstum selbst. Dadurch wird zum einen erreicht, dass die Pflanze den ihr zur Verfügung stehenden Raum nicht sprengt, und sie des Weiteren über viele Jahre erhalten bleibt.

Annähernd 100%ige Luftfeuchtigkeit; praktisch kein Gasaustausch mit der Umgebung und nur minimale Luftbewegung innerhalb des Gefäßes; im Sommer leider oft hohe Temperaturen (selbst dann, wenn darauf geachtet wird, dass kein direktes Sonnenlicht ins Glas fällt); ein sehr limitiertes Nährstoffangebot und ein nur begrenztes Raumvolumen, all das zeichnet die Bedingungen in einer H-Sphäre aus. Nur wenige Pflanzenarten verfügen über eine genügend weite ökologische Potenz um diesen Bedingungen zu trotzen. Es sind dies vor allem Pflanzenarten tropisch-humider (feuchtwarmer) oder sogar submerser, also untergetauchter Lebensräume.

Die Pflanzen verändern unter den Lebensbedingungen der H-Sphäre vielfach ihren Habitus. Unter gärtnerischen Gesichtspunkten könnte man sie als „Hungerexemplare“ bezeichnen. Diese Aussage bezieht sich nicht auf den Gesundheitszustand der Pflanzen, der in der H-Sphäre durchaus hervorragend ist, sondern allein auf die habituellen Veränderungen. Die Pflanzen bleiben kleiner. Das Laub wird zuweilen weichblättrig, da die Pflanzen auf den wachsartigen Verdunstungsschutz ihrer Blätter (Cuticula) mehr oder minder verzichten können. Manche Stängelpflanzen etiolieren (vergeilen) in Ermangelung ultravioletter Strahlung. Sonnenlicht induzierte Pigmentierung der Blätter geht bei manchen Arten verloren, u.a.m.

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50 cm große Hermetosphäre mit Hydrocotyle sp., Oerstedella centradenia, Begonia amphioxus, Chirita tamiana. U. Soltau©.

All das sind Aspekte, die bei der Auswahl geeigneter Pflanzenarten zu berücksichtigen sind. Langjährige Kulturversuche brachten mir diesbezüglich wertvolle Informationen und Erfahrungen. Pflanzenmaterial dazu stammte aus dem Handel, von Liebhabern, aus botanischen Gärten, aber auch aus den Heimatländern vieler Arten selbst. In mehrjährigen Auslandsaufenthalten konnte ich direkt vor Ort Pflanzenproben sammeln und Hermetosphären-Experimente durchführen. Zu den bereisten Explorationsgebieten gehören Berg- und Tieflandregenwälder Mittel- und Südamerikas (Cuba, Brasilien, Columbien, Ecuador, Peru), sowie Sri Lankas.

Fernandezia subbiflora im Bergnebelwald Ecuadors. U. Soltau©.
Fernandezia subbiflora im Bergnebelwald Ecuadors. U. Soltau©.
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